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Kalte Progression

Progression

Mehr brutto, aber trotzdem weniger netto in der Tasche? Hört sich komisch an, ist es aber leider nicht. Denn viele Gehaltserhöhungen bringen Arbeitnehmern nichts: bedingt durch höhere Steuersätze und die Inflation. Schuld daran ist die sogenannte kalte Progression. Was es bedeutet, und wen es betrifft.

Was ist die steuerliche Progression?

Die Progression in der Einkommensteuer ist zunächst nichts Schlechtes. Wer mehr verdient, soll mehr zum Gemeinwohl beitragen, und deshalb mehr Steuern zahlen. Mit zunehmendem Einkommen steigt der Steuersatz, also der Anteil der Einkommensteuer am Bruttogehalt. Somit soll die Progression eigentlich für mehr Gerechtigkeit sorgen.

Die steuerliche Progression ist ein Konzept, das in vielen Einkommensteuersystemen verwendet wird, um unterschiedliche Einkommensniveaus unterschiedlich stark zu besteuern. Das progressive Steuersystem sieht vor, dass der Steuersatz mit steigendem Einkommen zunimmt. Das bedeutet, Personen mit höheren Einkommen zahlen nicht nur absolut mehr Steuern, sondern auch einen höheren Prozentsatz ihres Einkommens als Steuern.

Hier sind einige Kerngedanken der steuerlichen Progression:

  1. Einkommensklassen: Das Einkommen wird in verschiedene Klassen oder Stufen unterteilt, von niedrig bis hoch. Jede Klasse hat einen eigenen Steuersatz.
  2. Steuersätze: Die Steuersätze steigen mit dem Einkommen. Ein niedrigeres Einkommen wird mit einem geringeren Prozentsatz besteuert, während höhere Einkommen mit einem höheren Prozentsatz besteuert werden.
  3. Grenzsteuersatz: Der Grenzsteuersatz ist der Steuersatz, der auf das nächste zusätzliche Einkommen angewendet wird. Bei einem progressiven Steuersystem erhöht sich der Grenzsteuersatz mit steigendem Einkommen.
  4. Durchschnittssteuersatz: Der Durchschnittssteuersatz ist das Verhältnis der insgesamt gezahlten Steuern zum gesamten Einkommen. Durch die Progression ist der Durchschnittssteuersatz für höhere Einkommen höher als für niedrigere Einkommen.

Ein einfaches Beispiel zur Illustration:

  • Bis 10.000 Euro Einkommen: 10% Steuersatz
  • 10.001 bis 30.000 Euro Einkommen: 20% Steuersatz
  • 30.001 bis 60.000 Euro Einkommen: 30% Steuersatz
  • Über 60.000 Euro Einkommen: 40% Steuersatz

Wenn jemand 50.000 Euro im Jahr verdient, zahlt er:

  • 10% auf die ersten 10.000 Euro,
  • 20% auf den Betrag zwischen 10.001 und 30.000 Euro,
  • und 30% auf den Betrag zwischen 30.001 und 50.000 Euro.

Die steuerliche Progression ist darauf ausgelegt, eine gerechtere Verteilung der Steuerlast zu gewährleisten und die soziale Gleichheit zu fördern, indem höhere Einkommen stärker belastet werden.

Die kalte Progression einfach erklärt

Unter dem Begriff kalte Progression versteht man die oben erwähnte steuerliche Progression in Verbindung mit der Inflation. Der Steuer-Anteil am Einkommen steigt, ohne auf die Inflation Rücksicht zu nehmen. In der Folge sinkt die Kaufkraft des Einkommens, es bleibt „real“ weniger netto übrig.

Der Ursprung des Problems liegt darin, dass die Bezugsgrößen der Einkommensbesteuerung von den Finanzbehörden lange Zeit nicht an die Inflation angepasst wurden. So erhalten viele Arbeitnehmer im Ergebnis Gehaltserhöhungen, die Ihnen jedoch faktisch nichts oder nicht viel nützen. Zwar steigt das Bruttogehalt um den entsprechenden Betrag an. Jedoch reicht die Lohnerhöhung (wenn überhaupt) lediglich aus, um die höhere Besteuerung sowie den Kaufkraftverlust durch die Inflation auszugleichen.

Gerne! Die kalte Progression ist ein Phänomen, das in progressiven Steuersystemen auftritt, wenn die Steuersätze nicht regelmäßig an die Inflation angepasst werden. Dadurch kann es sein, dass Steuerzahler trotz nicht real gestiegenen Einkommens (nur durch Inflation) in höhere Steuerklassen rutschen und somit eine höhere Steuerlast tragen müssen. Das führt zu einem Verlust an Kaufkraft.

Hier ist eine einfache Tabelle, die dieses Konzept veranschaulicht:

JahrBruttoeinkommenInflationsrateangepasstes InflationseinkommenSteuerklasse vor InflationSteuerbetrag vor InflationSteuerklasse nach InflationSteuerbetrag nach InflationEffektive Kaufkraft nach Steuern
140.000 €0%40.000 €20%8.000 €20%8.000 €32.000 €
242.000 €5%40.000 €20%8.400 €30%12.600 €29.400 €

Erklärung:

  1. Jahr 1:
  • Bruttoeinkommen beträgt 40.000 €.
  • Der Steuersatz ist 20%.
  • Tatsächlich gezahlte Steuern sind 8.000 €.
  • Kaufkraft nach Steuern beträgt 32.000 €.
  1. Jahr 2:
  • Bruttoeinkommen steigt um 5% aufgrund von Inflation und beträgt nun 42.000 €.
  • Tatsächliches Einkommen unter Inflation wäre immer noch 40.000 €, aber durch die Erhöhung rutscht der Steuerzahler in eine höhere Steuerklasse.
  • Neuer Steuersatz ist jetzt 30%.
  • Gezahlt werden 12.600 € an Steuern.
  • Effektive Kaufkraft nach Steuern beträgt nun 29.400 €, obwohl das reale Einkommen (inflationsbereinigt) nicht höher ist.

Die Tabelle verdeutlicht, wie durch die kalte Progression die Steuerlast unverhältnismäßig ansteigt, obwohl das reale Einkommen (inflationsbereinigt) gleich bleibt oder nur geringfügig steigt. Dies führt zu einem Verlust an Kaufkraft für den Steuerzahler.

Beispiel mit Berechnung

Herr Schneider (ledig, keine Kinder, Steuerklasse 1) verdient 2.200 Euro brutto im Monat. Laut unserem Brutto Netto Rechner bleiben ihm netto ca. 1.483 Euro übrig. Von seinen Abzügen entfallen rund 263 Euro auf die Einkommensteuer. Er bekommt nun eine Brutto-Gehaltserhöhung in Höhe von 150 Euro. Der Steueranteil steigt jetzt auf 302 Euro an. Dies liegt auch am höheren Steuersatz, bedingt durch sein höheres Einkommen. Netto bleiben ihm nun rund 1.562 Euro, das sind 79 Euro mehr als vorher.

Jetzt kommt noch die Inflation hinzu, welche in Deutschland meist um die 2 Prozent pro Jahr beträgt. Das heißt: die Kaufkraft seines Netto sinkt hierdurch um 31 Euro (2 Prozent von 1562 Euro), und beträgt nun 1.531 Euro. Im Ergebnis bleiben Herrn Schneider von seiner 150 Euro-Gehaltserhöhung lediglich 48 Euro übrig.

Wer ist von der kalten Progression betroffen?

Am meisten betroffen sind Bezieher kleinerer und mittlerer Einkommen. Je kleiner das Gehalt, desto mehr Anteil hat die Progression an einer zusätzlichen Steuerbelastung, siehe Grafik unten. So entfallen laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln bei einem Jahreseinkommen von 20.000€, einer Gehaltssteigerung von 2,9% und einer Inflationsrate von 2% allein 36% der Mehrbelastung auf die progressive Besteuerung. Umgekehrt verringert sich bei steigenden Einkommen der Anteil der progressionsbedingten Steuern.

Von der kalten Progression sind vorwiegend Arbeitnehmer und Selbstständige betroffen, deren Einkommen mit zunehmender Inflation steigen, aber nicht unbedingt real (nach Abzug der Inflation) mehr Kaufkraft bieten. Hier sind einige Gruppen, die besonders betroffen sein können:

  1. Mittlere Einkommensgruppen: Personengruppen mit mittlerem Einkommen, die regelmäßig Gehaltserhöhungen erhalten, die lediglich den Inflationsrate ausgleichen, könnten in höhere Steuerklassen gelangen, ohne dass ihre reale Kaufkraft tatsächlich steigt.
  2. Arbeitnehmer mit Tarifverträgen: Arbeitnehmer, deren Gehälter an Tarifverträge gebunden sind und regelmäßige, inflationäre Gehaltserhöhungen erhalten, könnten ebenfalls durch die kalte Progression stärker belastet werden.
  3. Selbstständige und Freiberufler: Diese Gruppe passt ihre Honorare und Preise möglicherweise regelmäßig an die Inflationsrate an, was sie ebenfalls in höhere Steuerklassen schieben kann.
  4. Besondere Berufe mit regelmäßigen Gehaltserhöhungen: Manche Berufe, wie Beamte, Lehrer oder Angestellte im öffentlichen Dienst, erhalten oft regelmäßige, inflationäre Gehaltserhöhungen, was sie anfällig für die kalte Progression macht.
  5. Rentner und Pensionäre: Personen, deren Renten oder Pensionen regelmäßig an die Inflationsrate angepasst werden, können ebenfalls durch kalte Progression betroffen sein, wenn die Steuerprogression ihre Nettoleistungen schmälert.

Beispiel:

Angenommen, ein Arbeitnehmer verdient im Jahr 40.000 Euro und der Steuersatz beträgt 20%. Bei einer Inflationsrate von 5% würde sein Einkommen im folgenden Jahr auf 42.000 Euro steigen, um die Inflationsverluste auszugleichen. Wenn der Steuertarif jedoch nicht angepasst wird und der neue Steuersatz für Einkommensbereiche über 40.000 Euro 30% beträgt, zahlt der Arbeitnehmer im nächsten Jahr:

  • 20% auf die ersten 40.000 Euro = 8.000 Euro
  • 30% auf die zusätzlichen 2.000 Euro = 600 Euro
  • Gesamtsteuer = 8.600 Euro

Obwohl das Bruttoeinkommen gestiegen ist, bleibt die Kaufkraft nahezu gleich, da mehr Steuern gezahlt werden müssen. In diesem Beispiel wären 42.000 Euro inflationsbereinigt 40.000 Euro wert, aber die höhere Steuerlast aufgrund des gestiegenen Bruttoeinkommens mindert die effektive Kaufkraft.

Zusammengefasst bedeutet dies, dass die kalte Progression all diejenigen betrifft, die regelmäßige nominale Einkommenssteigerungen erhalten, die lediglich die Inflation ausgleichen, und dadurch in höhere Steuerklassen gelangen, ohne dass ihre tatsächliche Kaufkraft steigt.

Inwieweit bin ich selbst betroffen?

Inwieweit betrifft mich die kalte Progression selbst? Wie viel mehr Netto bleibt mir bei einer Gehaltserhöhung? Rechnen Sie mit unserem Einkommensteuerrechner gerne selbst nach (kostenlos und anonym). Vergessen Sie nicht, im Anschluss 2 Prozent von Ihrem Netto für die Inflation abzuziehen.

Das Steuersystem ist ungerecht

Die progressive Besteuerung macht unser Steuersystem ungerecht. So profitieren von Gehaltserhöhungen in erster Linie Einkommensbezieher, die ohnehin schon recht viel verdienen. Bezieher kleinerer Einkommen haben meist lediglich mehr Brutto auf dem Lohnzettel stehen, jedoch effektiv nicht mehr Netto im Geldbeutel. Eine Lohnerhöhung muss im unteren Lohnsegment somit sehr üppig ausfallen, damit der Arbeitnehmer einen Effekt verspürt. Die Bundesregierung weigert sich bislang den „Steuerklau, zu korrigieren, da dem Finanzministerium hiermit willkommene Zusatzeinnahmen beschert werden.

Es gibt viele Diskussionen und Debatten über die Gerechtigkeit von Steuersystemen. Hier sind einige der häufigsten Argumente, die in Bezug auf die Gerechtigkeit von Steuersystemen vorgebracht werden, sowohl pro als auch kontra:

Argumente, die das Steuersystem als ungerecht betrachten

  1. Kalte Progression:
  • Wie bereits erwähnt, führt die kalte Progression dazu, dass Menschen trotz inflationsbedingter Einkommenssteigerungen netto weniger Kaufkraft haben können, ohne dass ihre reale wirtschaftliche Situation sich verbessert hat.
  1. Steuerlast für mittlere und niedrige Einkommen:
  • Kritiker argumentieren oft, dass mittlere und niedrige Einkommen trotz progressiver Steuersätze proportional zu ihrem verfügbaren Einkommen zu hohe Steuerlasten tragen.
  1. Steuerschlupflöcher und Steuervermeidung:
  • Wohlhabendere Personen und Unternehmen haben oft Zugang zu Steuerberatern und Strategien, um ihre Steuerlast zu minimieren, was faktisch zu einer geringeren Steuerquote gegenüber weniger wohlhabenden Personen führt.
  1. Regressive Steuern:
  • Einige Steuern, wie die Mehrwertsteuer, werden als regressiv angesehen, weil sie auf Konsum erhoben werden und tendenziell einen größeren Anteil des Einkommens von Menschen mit niedrigem Einkommen ausmachen.
  1. Unzureichende Anpassung an Lebenshaltungskosten:
  • Steuerfreibeträge und -grenzen könnten nicht regelmäßig an die steigenden Lebenshaltungskosten angepasst werden, was zu einer erhöhten Steuerlast für alle führt.

Argumente, die das Steuersystem als gerecht betrachten

  1. Progressive Besteuerung:
  • Die progressive Einkommensbesteuerung wird oft als gerecht erachtet, da sie dazu beiträgt, Einkommensungleichheiten zu verringern und höhere Einkommen stärker besteuert, was zu einem gewissen sozialen Ausgleich führt.
  1. Finanzierung öffentlicher Güter und Dienstleistungen:
  • Steuern ermöglichen es dem Staat, wichtige öffentliche Dienstleistungen wie Bildung, Gesundheit und Infrastruktur zu finanzieren, die für das Allgemeinwohl und die soziale Gerechtigkeit wichtig sind.
  1. Soziale Umverteilung:
  • Ein progressives Steuersystem kann zur Umverteilung von Wohlstand beitragen und damit die soziale Gerechtigkeit fördern.
  1. Abzugsmöglichkeiten und Freibeträge:
  • Durch Abzugsmöglichkeiten und Steuerfreibeträge wird sichergestellt, dass Grundbedürfnisse steuerfrei bleiben und Steuerpflichtige nur auf darüber hinausgehende Einkommen Steuern zahlen.

Fazit

Die Einschätzung der Gerechtigkeit eines Steuersystems hängt stark von individuellen Perspektiven und Präferenzen ab. Ein idealerweise „gerechtes“ Steuersystem versucht, eine Balance zu finden zwischen der Finanzierung von öffentlichen Gütern und Dienstleistungen, der Reduzierung von Ungleichheit und der Förderung von wirtschaftlicher Effizienz.

Letztlich ist die Diskussion über die Gerechtigkeit des Steuersystems komplex und vielschichtig und erfordert eine Berücksichtigung verschiedener wirtschaftlicher, sozialer und politischer Faktoren.

Quellen und weiterführende Seiten

Grafik: Institut der Deutschen Wirtschaft iwd.de

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